PROBLEMHUND BORDER COLLIE?

von Rolf C.Franck

Es ist nun schon einige Jahre her, dass ich bei meiner Freundin Ann, einer sehr erfahrenen Züchterin und Ausbilderin in England, im Wohnzimmer saß und zuhörte wie sie mit einem jungen Ehepaar sprach, das einen Border Collie von ihr kaufen wollte. Der eine Satz, der mir noch bis heute in den Ohren klingt, war: "Border Collies are problem dogs!" ( Border Collies sind Problemhunde!)

Damals war ich doch recht baff, sowohl wegen dieser hemmungslosen Offenheit, als auch weil ich diese Rasse einfach in jeder Hinsicht super fand.

Heutzutage, nachdem ich viel über Hundeverhalten dazu gelernt habe, ist genau dies mein Standardsatz, wenn ich nach den Eigenschaften dieser Rasse gefragt werde.

Warum kann es so leicht passieren, dass diese Hunde aus dem Gleichgewicht geraten?

Angstbeißer

Problem Nummer eins ist Dog-Dog-Aggression. Verhält sich ein Border Collie anderen Hunden gegenüber aggressiv, kann es natürlich die verschiedensten Gründe haben. In den meisten Fällen handelt es sich jedoch um Angstaggression. Wenn man weiß, dass Knurren und Beißen aus Angst ein erlerntes Verhalten ist, versteht man auch sofort, dass ein schnell lernender Hund wie der Border Collie, so stark davon betroffen ist.

Der Lernprozess läuft vereinfacht etwa so ab: Der BC trifft auf einen anderen Hund, der ihn attackiert. Welchen Schluss zieht ein intelligenter Hund der dieses Erlebnis, verständlicherweise, in Zukunft vermeiden möchte? "Bei der nächsten unbekannten Begegnung knurre ich erstmal; sicher ist sicher."

Nun gibt es zwei Möglichkeiten wie die nächste Begegnung ausgeht. Entweder der fremde Hund läuft davon, weil er mit einem solchen Stinkstiefel nichts zu tun haben will, oder er antwortet selbst mit aggressiven Signalen und es kommt zum Kampf. Im ersten Fall denkt der Hund: "Man muss also nur knurren und schon lassen sie einen in Ruhe!" Im Zweiten: "Ich muss als erster zu kämpfen beginnen um die besseren Chancen zu haben!" Mit jeder weiteren Konfrontation wird der Hund in seinem Verhalten bestärkt und der Teufelskreis beginnt sich zu drehen.

Was kann man also tun um dies bei seinem BC - Welpen zu vermeiden? Man muss einfach dafür sorgen, dass er nur positive oder neutrale Begegnungen hat. Besser gar keine Kontakte als negative!

Hüteverhalten

Egal ob der Hund Autos, Wild, Jogger, andere Hunde, oder laufende Kinder "hütet", die Probleme sind vorprogrammiert. Ob es nun die Stoßstange des Autos ist oder die Kugel des Jägers; die Chancen für den Border Collie stehen schlecht. Ob die Versicherung den Vertrag kündigt, weil sie keine Jogginghosen und Arztkosten mehr bezahlen will. Ob es zunehmend Ärger gibt mit anderen Hunden, die das Starren und Schleichen des BC als Attacke verstehen (siehe oben), oder die Nachbarn Ärger machen, weil die Kinder immer gezwickt werden.

In jedem Fall hat der BC - Halter einen großen Fehler gemacht. Er hat untätig zugesehen, wie das ererbte Hüteverhalten dem Wildwuchs verfallen ist. Um aus einem Hütehund mit den besten Anlagen einen nützlichen Helfer zu machen, muss sein Verhalten durch einen guten Ausbilder kontrolliert und kanalisiert werden.

Genauso muss sich auch jeder andere Besitzer einer dieser Hunde darüber im Klaren sein, dass es seine Aufgabe ist, das Verhalten des Hundes unter Kontrolle zu halten und ihm eine Möglichkeit zu bieten die vorhandenen Anlagen kontrolliert auszuleben.

Ein absolutes Stoppkommando (z.B. Platz) ist für jeden BC Pflicht!

Unterbindet man jede Form des unerwünschten Hüteverhaltens sofort bei ihrem ersten Auftreten, wird es erst gar nicht zu solchen Problemen kommen. Bei einem Welpen reicht schon ein kleiner Leinenruck und ein Leckerli als Ablenkung. Stattdessen sollten dem Hund kontrollierte Apportier- und Suchspiele geboten werden, bei denen er sich ausleben kann.

Aber Achtung! Zu groß ist bei dieser Rasse die Gefahr der...

Überstimulierung

Jedem echten Liebhaber dieser Rasse ist dieser unwürdige Anblick ein Gräuel: Ein paar Menschen stehen zusammen und ein Border Collie verbringt die ganze Zeit damit alles was nicht niet- und nagelfest ist, heran zu schleppen und es den Zweibeinern vor die Füße zu werfen. Hin- und wieder erbarmt sich mal einer und gibt dem Stöckchen einen Kick. Je länger es dauert, desto wirrer wird der weggetretene Blick des Hundes.

Spielen ist gut und richtig, aber jeder BC-Halter sollte wissen, dass es seine Aufgabe ist dem Spiel Grenzen und Formen zu geben. Ein typischer Border Collie kennt von Natur aus beides nicht! Er apportiert so lange, bis er zusammenbricht.

Erst recht, wenn man das Spielen bewusst als Belohnung einsetzen möchte, ist es unabdingbar, dass der Hundeführer die volle Kontrolle hat. Typisch für das Phänomen der Überstimulanz ist der Hund, der beim Anblick des Tennisballes nichts mehr hört oder sieht.

Um zu vermeiden, dass der eigene BC zu einem Stöckchenjunkie wird, sollte man monotone Spiele, bei denen der Hund mit "Scheinwürfen" stark gereizt wird, vermeiden und immer Kontrollübungen (z.B. Platz, Bleib oder Hier) einflechten.

Ach ja, die Stöckchen... fragen sie mal einen Tierarzt welche Stöckchenverletzungen im Fang und Rachen er schon operieren musste. Besser ist da ein richtiges, solides Hundespielzeug z.B. aus Hartgummi.

Geräuschempfindlichkeit

Es liegt nahe, dass ein Hund der bei der Hütearbeit leise Pfeifsignale über große Strecken hören muss, ein empfindliches Gehör hat. Das ist auch der Grund, warum so viele Border Collies den Schusstest in der Begleithundeprüfung nicht bestehen. Typisch ist, dass der BC beim ersten Mal noch recht cool reagiert, bei späteren Prüfungen dann aber immer ängstlicher wird.

Auch die zahlreichen Fälle von Gewitterangst bei dieser Rasse bestätigen das.

Hier sind sowohl der Züchter, als auch der Welpenbesitzer gefragt. Beide sollten dem jungen Hund Gelegenheit verschaffen mit lauten Geräuschen angenehme Erfahrungen (Fressen, Spielen...) zu verknüpfen. Es gibt im Handel erstklassige Geräusch - CD's, die diese Sache sehr einfach machen. Man spielt sie einfach zunächst leise, und dann schrittweise immer lauter, täglich während der Mahlzeiten ab.

Aber Achtung! Einen Hund von einer bereits vorhandenen Geräuschangst zu heilen, kann sehr leicht nach hinten losgehen. Hier sollte man unbedingt mit einem ausgebildeten Verhaltenberater zusammen arbeiten.

Wer ist der Boss

Auch Durchsetzungsprobleme sind bei dieser Rasse nicht gerade selten. Ein guter Hütehund muss auch einem rebellierenden Bock die Stirn bieten. Viele BC's haben deshalb einen sehr starken Willen und sind dazu noch sehr clever. Beides sind Eigenschaften, die zu sozial expansivem Verhalten, sprich Dominanz, führen können. Zeigt man also nicht schon dem jungen Hund ganz deutlich welche Rolle er in der Familie hat, kann es bei manchen Vertretern leicht später Ärger geben.

Schon der Züchter sollte jeden seiner Welpen gelegentlich sanft auf den Rücken legen und halten. Dabei soll dem kleinen Hund keine Angst gemacht werden, sondern er wird, wenn er brav ist, sogar gestreichelt. Der wichtige Punkt ist aber, dass der Mensch bestimmt wann die Übung zu ende ist.

Gleichzeitig gewinnt der Züchter Erkenntnisse über die mehr oder weniger dominanten Tendenzen der einzelnen Welpen, die ihm helfen den richtigen Besitzer auszuwählen. Diese erkennt er an der mehr oder weniger vorhandenen Gegenwehr bei dieser Unterwerfung.

Ebenfalls hilfreich ist es, die Welpen daran zu gewöhnen, dass sie mit dem Schnauzengriff gehalten zu werden. Dabei hält der Mensch mit der einen Hand das Halsband und mit der anderen greift er von oben über den Fang. Wieder sollte das Erlebnis für den Hund eher positiv sein, und mit Kraulen am Hals und freundlichen Worten begleitet werden.

Ein eher submissiver Welpe trägt von diesen Übungen keinen Schaden davon, aber ein sehr lebhafter und selbstbewusster Hund lernt gleich das richtige Verhältnis zum Menschen.

Übernimmt der spätere Welpenbesitzer diese Übungen und wird sie von allen Familienmitgliedern gelegentlich ausgeführt, sind spätere Durchsetzungsprobleme eher unwahrscheinlich.

Angst

Auch die Angst vor bestimmten Situationen, Personen, Tieren oder Gegenständen kommt bei dieser Rasse häufiger vor. Die Fallgeschichte sieht dann oft so aus:

Der junge Hund kommt in eine neue Situation und hat zunächst etwas Angst, weil er sie nicht einschätzen kann. Zum Beispiel begegnet er zum ersten Mal einem Mann mit Hut.

Unbekanntem erstmal eher ängstlich zu begegnen ist bei jedem Hund genetisch vorprogrammiert. Bald überwiegt jedoch die natürliche Neugier und der Welpe versucht Informationen über sein Gegenüber zu sammeln. Je nachdem was nun passiert, entscheidet sich, wie der Hund in Zukunft auf Begegnungen mit behüteten Männern reagiert.

Unterbindet der Besitzer mit Hilfe der Leine die Erforschung des Unbekannten, wird der Hund beim nächsten Mal eher noch ängstlicher sein.

Wird ihm jedoch die Möglichkeit gegeben näheres in Erfahrung zu bringen und er erschrickt sich dabei, etwa weil der unbedarfte Fremde plötzlich auf ihn zugeht, oder ihn laut auslacht oder -schimpft, ergibt sich der gleiche Effekt: "Männer mit Hut sind gefährlich."

Nur wenn der Welpe die neue Situation in Ruhe erkunden kann und als neutral oder positiv bewertet, wird er später mit Männern mit Hut keine Probleme haben.

Wenn der Welpenbesitzer davon nicht weiß, sind die Chancen einer entstehenden Angst recht groß. Erst recht bei einer Rasse die so schnell lernt wie der Border Collie.

Hat der Hund schon eine solche oder ähnliche Angst entwickelt, braucht man in der Regel möglichst bald die Hilfe eines guten Trainers oder Verhaltensberaters. Zu leicht kann sich das Problem verschlimmern und zu einem verallgemeinerten Angstverhalten oder sogar einer Phobie werden.

Auch hier heißt es also vorbeugen ist besser als heilen.

Was tun?

Ein Schluss, den man aus den Problemen des Border Collies ziehen könnte wäre, dass er ein reiner Arbeitshund ist, der nur für Schäfer und erfahrene Ausbilder geeignet ist. Dagegen spricht jedoch die große Anzahl von Hunden dieser Rasse, die nur als Familien- und Begleithunde gehalten werden und keine Schwierigkeiten haben. Besonders in Groß Britannien und Australien gehören sie zu den beliebtesten Rassen. Traditionell ist es dort auf den Farmen auch so, dass überschüssige oder untalentierte Border Collies an Privatleute verkauft werden. Wer immer noch behauptet, dass solche Hunde erschossen würden, kennt nicht den cleveren Geschäftsinn der dortigen Farmer. Warum einen Schuss Pulver vergeuden, wenn der Hund noch für ein paar Pfund verkauft werden kann. Notfalls an die Border Collie - verrückten Deutschen!

Beratung

Die Lösung besteht wohl eher in der richtigen Beratung und der kritischen Auswahl der Welpenkäufer durch den Züchter. Wer weiß was auf ihn zukommt, kann sich entsprechend verhalten und so Probleme meist vermeiden.

Andererseits ist eine vorsichtige Sozialisierung des jungen Hundes gerade bei dieser Rasse von entscheidender Bedeutung.

Sozialisierung und Gewöhnung

Sozialisierung heißt, dass der Hund von klein auf möglichst viele gute oder wenigstens neutrale Erlebnisse mit anderen Hunden, fremden Menschen (auch Kindern), anderen Tieren und neuen Situationen und - Geräuschen hat. Dieser Prozess sollte bis zum Alter von einem Jahr fortgeführt werden. Die wichtigste Zeit sind jedoch etwa die ersten 16 Wochen.

Kontrolle

Dies ist das alles entscheidende Zauberwort für den Halter eines Border Collies.

Nur wenn der Besitzer seinen Hund wirklich führt; also unerwünschtes Verhalten verhindert und erwünschtes Verhalten belohnt, wird sich der Border Collie zu einem guten Gefährten entwickeln. Ein erstklassiges und oft unterschätztes Hilfsmittel ist hierbei die Leine, denn ein angeleinter Hund kann weit weniger anstellen, als einer der ständig frei läuft.

Die Grundkommandos sollte jeder Hund dieser Rasse perfekt beherrschen. Besonders natürlich das sofortige Hinlegen und das Herkommen.

Spaß, Spaß, Spaß

Jeder Border Collie braucht ein Hobby bei dem er regelmäßig (unter Kontrolle!) Dampf ablassen kann. Dies können regelmäßiges Spielen, die bekannten Hundesportarten, oder auch das Schafehüten sein.

Frizzby, oder Ball spielen (unter Kontrolle!), am Rad laufen, Zirkustricks üben und Suchspiele sind weitere Möglichkeiten. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Aber Achtung! Es ist nicht fair, nur um den BC artgerecht zu halten, eine Handvoll Schafe unter Dauerstress zu setzen. Stundenlanges anglotzen von Tieren ist eh keine Lösung.

Inzwischen haben wir in Deutschland eine ganze Reihe von erstklassigen Ausbildern, bei denen der Hund und vor allem auch der Mensch, das richtige Hüten lernen können.

Superdogs

Natürlich sind diese halbverrückten Hunde längst nicht für jeden geeignet, aber ein halbwegs begabter, aktiver Mensch kann seinem Leben durch einen Border Collie, eine ganz neue Qualität geben. Die meisten Besitzer sagen: "Einmal Border Collie immer Border Collie!"

Im Vergleich mit diesen "Ganz-oder-garnicht-Hunden", sieht nun einmal jede andere Rasse ziemlich blass aus.

Border Collies sind halt doch in jeder Hinsicht klasse, auch wenn es "Problemdogs" sind!


Dieser Artikel ist zuerst im Deutschen Border Collie Jahrbuch 1998 erschienen

Alle Rechte am Text: Rolf C.Franck